Ansichtssachen

Die Vastorfer Kuh ist tot.

Ich weiß, der Nachrichtenwert dieser Information liegt ungefähr auf der Höhe des Zinssatzes deutscher Bundesanleihen. Dennoch: Die junge Kuh war vor einigen Wochen im Osten der Lüneburger Heide ihrem Bauern entlaufen und hatte sich nicht wieder einfangen lassen. "Die Gefahr war einfach zu groß, dass die Kuh plötzlich … über die Bundesstraße 216 läuft und einen schweren Unfall verursacht, bei dem im schlimmsten Fall Menschen verletzt oder gar getötet worden wären", so der Landwirt in der Lüneburger Landeszeitung (LZ), weshalb das freiheitsliebende Tier "im Einklang mit Behörden und der Polizei" von einem Jäger in die ewigen Weidegründe befördert wurde. Nun hofft der Landwirt, "dass endlich wieder Ruhe einkehrt in der Ostheide".

Recht hat der Mann. Schließlich hat es die Landwirte jahrzehntelange harte Arbeit gekostet, den Insektenlärm in Wald und Flur um drei Viertel zu reduzieren, sodass die Motorenmusik der Kraftfahrzeuge endlich ungestört ihren Melodienteppich über die Landschaft legen kann. Das will man sich von der dissonanten Bioakustik so eines Huf- und Hoftiers ja nicht kaputtmachen lassen. Und da freie Fahrt ein Menschenrecht für freie Bürger ist, wäre selbst ein zeitweiliges Tempolimit in dieser Region eine flagrante Verletzung der Menschenwürde gewesen. Schon wegen des miesen Sounds bei 30 km/h.

Eine freie Kuh ist ohnehin ein Problemtier. So wie all die anderen Problemtiere, die unseren schönen menschlichen Kulturraum überfluten. Man denke an Bruno, den Problembären, der unsere herrlichen Kunstschnee-Alpenpisten zu zertrampeln drohte. Oder an Problemwölfe wie den Rodewalder Rüden, der sich bei der Regelung seiner zwischentierischen Probleme mit Schafen einfach nicht an die Prinzipien der gewaltfreien Kommunikation halten will, die unser Verhalten gegenüber den Tieren seit eh und je bestimmen. Hier sind uns die Jäger*innen zum Glück immer gern behilflich, unsere still und ruhig liegende Kulturnatur vor dem Wilden zu schützen. Aber was ist mit den Problem-Borkenkäfern, die unsere ordentlichen Kiefer- und Fichtenplantagen zerstören? Die kann man ja nicht erschießen, denn sie machen sich heimtückisch klein und verstecken sich unter der Borke. Zum Glück haben wir Hubschrauber, die es uns ermöglichen, ihnen mit "Karate Forst flüssig" großflächig ans Chitin zu gehen. Dieser Wunderstoff hilft auch generell gegen den Insektenlärm. Land- und Forstwirtschaft Hand in Hand, so soll es sein.

Ein Grundproblem der Tiere ist nun einmal ihr mangelhaftes Verständnis für unsere kulturellen Grundwerte. Die Problemschweine und -puten in den Massenställen wollen es einfach nicht begreifen: Bei Infektionsgefahr ist Abstandhalten das Gebot der Stunde! Da Integrationskurse zwecklos sind, muss man sie eben zu Millionen vorbeugend keulen. Wie auch die zahllosen männlichen Problemküken und -kälber, die einfach nicht genderfluid genug sind.

Manche Gutmenschen und naiven Romantiker behaupten nun, das einzige Problemtier auf dieser Welt sei der Mensch, und der Biosphäre ginge es umso besser, je weniger von unserer Sorte es gäbe. Aber mal ehrlich, was ist uns lieber, eine mit Sicherheit tote freie Kuh oder ein möglicherweise verunfallter Freifahrtbürger? Für jeden vernünftigen Menschen sollte die Antwort doch eigentlich klar sein.

2017 stellt die weiße Künstlerin Dana Schulz im New Yorker Whitney-Museum ein Gemälde aus, das den von weißen Rassisten ermordeten Emmett Till zeigt. Daraufhin fordern knapp drei Dutzend Künstler in einem offenen Brief, das Gemälde solle zerstört werden: Es sei inakzeptabel, dass "ein weißer Mensch das schwarze Leid in Profit und Spaß verwandelt".

Im Frühjahr 2020 verzichtet die schwarze Schauspielerin Halle Berry – wie zwei Jahre zuvor schon ihre weiße Kollegin Scarlett Johansson – nach heftiger Kritik darauf, eine Transgenderfigur zu spielen. Als Cis-Frau, so Berry zerknirscht, hätte sie diese Rolle nicht in Betracht ziehen sollen; die Transgender-Community müsse die Gelegenheit haben, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

Im "Freitag" vom 16.07.20 wirft der Rezensent des Buches "Wir müssen über Rassismus sprechen" dessen weißer Autorin Robin DiAngelo vor, ihr Wissen basiere "auf den jahrelangen mühseligen Forschungen von BiPoC-Autor*innen … DiAngelo verwandelt deren Erkenntnisse in einträglichen Gewinn, sei es als symbolisches, kulturelles oder ökonomisches Kapital. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn sie diese Form des strukturellen Rassismus in ihrer Publikation mitreflektiert hätte."

Abgrenzung und Abschottung. Gräben um eine Kultur ziehen, um deren "Identität" zu bewahren: Während die rechtradikalen Identitären von "Überfremdung" faseln, reden die neuen "links"-identitären Jakobiner – wenn auch mit anderen Intentionen - von "kultureller Aneignung". Gemeint ist die angeblich unreflektierte, respektlose und profitgierige Übernahme kultureller Topoi durch Außenstehende. Dahinter steckt die Vorstellung, die Kultur einer (unterdrückten) Gruppe – ihre Geschichte, ihre Wissenschaft und Kunst - wäre deren exklusives Eigentum, unterstünde ihrer Verfüngungsgewalt und dürfte eigentlich nur von ihren eigenen Mitgliedern "genutzt" werden.

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Spätestens seit ihrer emotionalen Klima-Rede vor den Vereinten Nationen ist Greta Thunberg in aller Munde. Nina Apin von der taz betrachtet ihre Tränen als „Steilvorlage: Seht, wie hysterisch diese ganze Klimabewegung ist“, und ist „langsam erschöpft“ von der Wucht der Gefühle; die FAZ-Autorin Livia Gerster findet, dass Thunberg „nervt“, FAZ-Redakteur Claudius Seidl spürt „einen Hauch von Stephen King, wenn Greta spricht“, und ein französischer Kulturgreis namens Bernard Chenebault, dumm wie Baguette, wünscht sich auf Facebook gar, irgendein Durchgeknallter möge Thunberg doch endlich „zur Strecke bringen“.

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17. August 2017: Ein schmächtiger junger Mann setzt sich ans Steuer eines gemieteten weißen Fiat-Lieferwagens, fährt in Schlangenlinien mehr als 500 Meter weit über die Rambla von Barcelona und mäht Dutzende von Passanten nieder. Andere junge Männer rasen in Cambrils, unweit von Barcelona, mit einem PKW in eine Menschengruppe. Warum? Weil sich einige ihrer Spießgesellen kurz zuvor beim Hantieren mit 120 Butangasflaschen versehentlich selbst in die Luft gesprengt haben. Plan B also, ein Akt der Verzweiflung. (Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn sie Plan A in die Tat umgesetzt hätten.) Auf der Flucht ersticht der junge Mann in Barcelona einen weiteren Menschen, bevor er schließlich von der Polizei erschossen wird. Bilanz der Anschläge: mehr als 120 Verletzte und 24 Tote, unter ihnen acht der (vermutlich) zwölf Attentäter.

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Ein Zeitungsfoto. Es zeigt einen Kindersoldaten, vielleicht zwölf, dreizehn Jahre alt. Mit seiner Maschinenpistole in den Händen lehnt er an einer Hauswand in einem Dorf, irgendwo in Afrika, und schaut mit unergründlichem Blick in die Kamera.

Trotz der Schusswaffe strahlt der Junge keinerlei Aggressivität aus. Aber was werden die Dorfbewohner wohl bei seinem Anblick empfunden haben? Bekanntlich lässt etwa Joseph Konys Terrorgang mit dem schönen christlichen Namen „Lord´s Resistance Army“ (LRA) Kinder in den von ihr überfallenen Dörfern häufig nur dann am Leben – und nimmt sie auf –, wenn sie zuvor ihre eigenen Eltern oder Geschwister umgebracht haben.

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