Zurück zu den Ansichtssachen

04.September 2020

Problemtiere

Die Vastorfer Kuh ist tot.

Ich weiß, der Nachrichtenwert dieser Information liegt ungefähr auf der Höhe des Zinssatzes deutscher Bundesanleihen. Dennoch: Die junge Kuh war vor einigen Wochen im Osten der Lüneburger Heide ihrem Bauern entlaufen und hatte sich nicht wieder einfangen lassen. "Die Gefahr war einfach zu groß, dass die Kuh plötzlich … über die Bundesstraße 216 läuft und einen schweren Unfall verursacht, bei dem im schlimmsten Fall Menschen verletzt oder gar getötet worden wären", so der Landwirt in der Lüneburger Landeszeitung (LZ), weshalb das freiheitsliebende Tier "im Einklang mit Behörden und der Polizei" von einem Jäger in die ewigen Weidegründe befördert wurde. Nun hofft der Landwirt, "dass endlich wieder Ruhe einkehrt in der Ostheide".

Recht hat der Mann. Schließlich hat es die Landwirte jahrzehntelange harte Arbeit gekostet, den Insektenlärm in Wald und Flur um drei Viertel zu reduzieren, sodass die Motorenmusik der Kraftfahrzeuge endlich ungestört ihren Melodienteppich über die Landschaft legen kann. Das will man sich von der dissonanten Bioakustik so eines Huf- und Hoftiers ja nicht kaputtmachen lassen. Und da freie Fahrt ein Menschenrecht für freie Bürger ist, wäre selbst ein zeitweiliges Tempolimit in dieser Region eine flagrante Verletzung der Menschenwürde gewesen. Schon wegen des miesen Sounds bei 30 km/h.

Eine freie Kuh ist ohnehin ein Problemtier. So wie all die anderen Problemtiere, die unseren schönen menschlichen Kulturraum überfluten. Man denke an Bruno, den Problembären, der unsere herrlichen Kunstschnee-Alpenpisten zu zertrampeln drohte. Oder an Problemwölfe wie den Rodewalder Rüden, der sich bei der Regelung seiner zwischentierischen Probleme mit Schafen einfach nicht an die Prinzipien der gewaltfreien Kommunikation halten will, die unser Verhalten gegenüber den Tieren seit eh und je bestimmen. Hier sind uns die Jäger*innen zum Glück immer gern behilflich, unsere still und ruhig liegende Kulturnatur vor dem Wilden zu schützen. Aber was ist mit den Problem-Borkenkäfern, die unsere ordentlichen Kiefer- und Fichtenplantagen zerstören? Die kann man ja nicht erschießen, denn sie machen sich heimtückisch klein und verstecken sich unter der Borke. Zum Glück haben wir Hubschrauber, die es uns ermöglichen, ihnen mit "Karate Forst flüssig" großflächig ans Chitin zu gehen. Dieser Wunderstoff hilft auch generell gegen den Insektenlärm. Land- und Forstwirtschaft Hand in Hand, so soll es sein.

Ein Grundproblem der Tiere ist nun einmal ihr mangelhaftes Verständnis für unsere kulturellen Grundwerte. Die Problemschweine und -puten in den Massenställen wollen es einfach nicht begreifen: Bei Infektionsgefahr ist Abstandhalten das Gebot der Stunde! Da Integrationskurse zwecklos sind, muss man sie eben zu Millionen vorbeugend keulen. Wie auch die zahllosen männlichen Problemküken und -kälber, die einfach nicht genderfluid genug sind.

Manche Gutmenschen und naiven Romantiker behaupten nun, das einzige Problemtier auf dieser Welt sei der Mensch, und der Biosphäre ginge es umso besser, je weniger von unserer Sorte es gäbe. Aber mal ehrlich, was ist uns lieber, eine mit Sicherheit tote freie Kuh oder ein möglicherweise verunfallter Freifahrtbürger? Für jeden vernünftigen Menschen sollte die Antwort doch eigentlich klar sein.

Zurück zu den Ansichtssachen