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08.Oktober 2019

Bluna

Spätestens seit ihrer emotionalen Klima-Rede vor den Vereinten Nationen ist Greta Thunberg in aller Munde. Nina Apin von der taz betrachtet ihre Tränen als „Steilvorlage: Seht, wie hysterisch diese ganze Klimabewegung ist“, und ist „langsam erschöpft“ von der Wucht der Gefühle; die FAZ-Autorin Livia Gerster findet, dass Thunberg „nervt“, FAZ-Redakteur Claudius Seidl spürt „einen Hauch von Stephen King, wenn Greta spricht“, und ein französischer Kulturgreis namens Bernard Chenebault, dumm wie Baguette, wünscht sich auf Facebook gar, irgendein Durchgeknallter möge Thunberg doch endlich „zur Strecke bringen“.

 

Im „Freitag“ vom 02.10.19 dreht Georg Seeßlen den Spieß um. Für ihn ist Thunberg eine Art Inkarnation der alten römischen Göttin Mania mit den „Zügen einer Heiligen, eines beeinträchtigten, aber dennoch selbstbestimmten Menschen“. Die „bösen alten weißen Männer“ hingegen seien „tückische Kinder“, häufig „mit dem Signum der `narzisstischen Persönlichkeitsstörung´ belegt“. Dazu gehöre auch die „infantile Persönlichkeitsstörung“: „Das gestörte Kind, das seine Störung überwindet, indem es sie in den Dienst der `Heilung´ stellt, trifft auf Erwachsene, die das gestörte Kind in sich nur bändigen können, indem sie ihm etwas zum Zerstören geben.“

Lauter Gestörte und Beeinträchtigte also um uns „Normale“ herum. Und ich dachte, es ginge darum, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten.

Auch wenn es gut gemeint ist: Eine solche Psychologisierung politischer Konflikte ist eine Form der Distanzierung und Herabsetzung und macht den Weg zur Psychiatrisierung der Kontrahenten frei. Die Sache selbst gerät aus dem Blick. Seeßlen tut niemandem einen Gefallen, wenn er Thunberg „manische Fixierung“ attestiert (wenn auch im positiven Sinne). Ähnliches gilt für den Asperger-Experten Tony Attwood, der im „Guardian“ sagt, Menschen mit dieser Diagnose seien "bekannt dafür, dass sie direkt sind, mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten, ehrlich und entschlossen sind und ein starkes Gefähl für soziale Gerechtigkeit haben". Klar, der Umkehrschluss ist eigentlich nicht zulässig, aber werden diese Eigenschaften dadurch nicht unter der Hand zu Symptomen, die Autismusverdacht erregen? Gibt es demnächst ein Therapieangebot dafür?

Thunberg hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie das Asperger-Syndrom hat. Sie sieht es allerdings nicht als „Krankheit“, sondern als „Gabe“; weil sie nicht so gut im Umgang mit anderen Menschen sei, habe sie keine Organisation gegründet, sondern ihre Sache weitgehend allein durchgezogen. Sie sei halt „ein bisschen anders“, und das sei eine „superpower“. Warum kann man es nicht dabei bewenden lassen?

Offenbar ist es auch für viele Wohlmeinende unvorstellbar, dass eine Sechzehnjährige derart klar formulierte, gedanklich präzise Reden führt und so unbeirrbar ihre Ziele verfolgt. Aber warum eigentlich? Wieso sollte sie das nicht können, Asperger hin oder her? Und gibt es das sogenannte „Normal“ überhaupt im wirklichen Leben? Sind wir nicht alle ein bisschen bluna? Inwiefern ist ein kognitiv dissonanter linksliberaler SUV-Fahrer oder eine kleinmütige „Alle mitnehmen“-Kanzlerin normaler als ein kluger, aus guten Gründen zorniger Teenager?

Vergessen wir doch den ganzen Kokolores mit heiligen und Horror-Kindern (auch wenn solche Topoi für Romanautoren sicher interessant sind). Vielleicht ist Greta Thunberg ja nur eine ganz normale junge Frau, die angesichts der Lage das Normalste von der Welt tut - etwas, wozu wir selbsternannten "Normalen" offenbar außerstande sind. Aber das ist ein wirklich furchteinflößender Gedanke, nicht wahr? Dann müssten wir uns statt mir ihr wohl doch mit uns selbst beschäftigen - und mit unseren gemeingefährlichen Versäumnissen, Beschönigungen und Zaghaftigkeiten.

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